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23. August 2007, 20.15 Uhr
Sieben Jahre lang hat der österreichische Dichter Franzobel, Bachmann-Preisträger des Jahres 1995, an seinem jüngsten Roman gearbeitet, der nichts weniger sein will als ein „größenwahn-
sinniger Entwurf über das zwanzigste Jahrhundert“. In sieben Kapitel, analog zu den sieben Todsünden, ist das 650- Seiten-Werk gegliedert, wobei allerdings für die Trägheit die Traurigkeit einspringt. „Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik“ ist die irrwitzige Odyssee des Helden Oswald Mephistopheles Wuthenau, eines fettleibigen Alt-Nazi, zwischen dem Nachkriegs-Wien und Gegenwarts-Argentinien. Der barock ausufernde Plot entzieht sich der Nacherzählung, alles beginnt damit, dass der nationalsozialistisch erzogene junge Oswald in den 50ern nach Buenos Aires kommt, dort das Erbe des Großvaters Urwaschl antreten soll, im Gefängnis landet, heiratet, einen Sohn bekommt, Karriere in einem Zementwerk macht und das erste Atomkraftwerk Argentiniens baut. Darüber wächst das Panoptikum des Romanpersonals auf mehr als 50 Huren, Wahrsager, Kriegsbekanntschaften, Priesterinnen, Erzengel, Kriminalassistenten, Transvestiten, Krankenschwestern und Direktoren an. Adolf Eichmann ist auch dabei. Eskapaden reihen sich an Exzesse, Absurdes an Anales.
Am Ende steht eine Orgie, die sich im kollektiven Gewalt-Orgasmus einer Steinigung entlädt. Letztlich aber sind alle nur heimatlos und auf der Suche nach dem paradiesischen Urzustand. Erzählt wird die ganze Verwirrung von Schuld und Sühne vom Zwerg Danny Milchmann, Hypnotiseur und Eichmann-Entlarver, doch am Ende brodelt die braune Nazinudelsuppe weiter. Franzobel fabuliert wie Grimmelshausen und Rabelais durch den Schelmenroman, zitiert Ovid, Brecht, Thomas Bernhard und Hölderlin, greift beherzt zu Dialekt und Fäkalsprache. Verschroben, aber intelligent. Abgehoben, daher mit Überblick.
