Remus Azoitei (Violine) - Eduard Stan (Klavier)

Duo-Konzert: Violine / Klavier

22. Feburar 2004

Ludwig van Beethoven Violinsonate F-Dur op. 24 „Frühlingssonate“
(1770-1827)

1. Allegro
2. Adagio molto espressivo
3. Scherzo: Allegro molto – Trio
4. Rondo: Allegro ma non troppo

Pablo de Sarasate Introduktion
und Tarantella op. 43
(1844 – 1908) (Moderato – Allegro vivace)

Maurice Ravel „Tzigane“ - Konzertrhapsodie für Violine & Klavier
(1875 – 1937)

--- Pause ---

Richard Strauss Violinsonate Es-Dur op. 18
(1864 – 1949)

1. Allegro, ma non troppo
2. Improvisation. Andante cantabile
3. Finale: Andante - Allegro

Camille Saint-Saëns Introduktion und Rondo capriccioso op. 28
(1835 – 1921) (Andante malinconico – Allegro ma non troppo – Più allegro)


REMUS AZOITEI (Violine) 

EDUARD STAN (Klavier)

Beethovens Violinsonate Nr. 5 F-Dur, op. 24 trägt den Spitznamen “Frühlingssonate” und erfreut sich neben der „Kreutzer-Sonate“ als einzige seiner 10 Violinsonaten eines Beinamens. Die Entstehungsgeschichte zu dieser Bezeichnung ist nicht näher bekannt, wird aber durch die lyrische Eingangsmelodie der Violine nachvollziehbar: Erstmalig in Beethovens Violinsonaten-Schaffen stellt die Violine das Hauptthema des Satzes in seiner Ganzheit vor. Als weitere Neuerung im Vergleich zu seinen Vorgängern ist das Werk in 4 Sätzen komponiert, wenngleich der 3. Satz – ein Scherzo samt Trio – mit wenig mehr als einer Minute Spieldauer verblüffend knapp ausfällt.

Abgesehen vom langsamen 2. Satz, der sich als innige und tief empfundene Kantilene deutlich von den restlichen Sätzen abhebt, durchweht das gesamte Werk eine entspannte Heiterkeit, die gleichwohl voller rhythmischer Energie wie auch lyrisch beseelt ist. Wer Beethovens frühere Violinsonaten kennt ist von der Eingängigkeit einiger Themen überrascht, so z.B. im Rondo-Thema des letzten Satzes. Dieses ist der Grund dafür, warum sich auch dem wenig bewanderten Hörer die Sonate op. 24 mühelos erschließt – sie zählt zu den am liebsten gehörten Sonaten Beethovens.

Den Charakter der Frühlingssonate kann man durchaus mit jenem der 6. Sinfonie („Pastorale“) vergleichen, und es ist sicher kein Zufall, dass die Grundtonart F-Dur beide Werke verbindet.

Der Spanier Pablo de Sarasate gehörte zu den großen Geigern des 19. Jh. und war eine außerordentliche und frühreife geigerische Begabung. Obwohl er durch die französische Schule beeinflusst war, komponierte der an Paganini erinnernde Virtuose verschiedene Werke mit Bezug zu seinem Heimatland, wie z.B. die „Spanischen Tänze“ oder die „Konzert-Fantasie über Carmen“. In seiner kurzen, aber wirkungsvollen „Introduktion und Tarantella“ greift er einen schnellen italienischen Tanz auf und setzt ihn als blendendes Virtuosenstück für Violine und Klavier.

Ravels Konzertrhapsodie „Tzigane“ verdankt ihre Entstehungsgeschichte einer interessanten Begebenheit. Die Pianistin Gaby Casadesus, die sich um die Aufführung der Werke Ravels sehr verdient gemacht hatte, berichtet von einem Konzert, bei dem Ravels Sonate für Violine und Violoncello erklang. Den Violinpart hatte die ungarische Geigerin Jelly d’Aranyi übernommen. Zu später Stunde ließ sich Ravel von ihr ungarische Zigeunerweisen vorspielen und lauschte diesen volkstümlichen Klängen fasziniert bis in die Morgenstunden. Dieses außergewöhnliche „Privatkonzert“ war für Ravel das Inspirationsmoment für seine Tzigane, die er zwar erst zwei Jahre später fertigstellte, folgerichtig aber Jenny d’Aranyi widmete.

Die Uraufführung des Werkes am 26. April 1924 in London wurde begeistert aufgenommen, und im gleichen Jahr richtete Ravel – der die Kunst der Orchestrierung so meisterhaft beherrschte (man höre z.B. seine Orchestertranskription von Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“) – auch eine Transkription für Violine und Orchester ein.

Ursprünglich erklang die Tzigane in einer Fassung für Violine und Klavier mit Luthéal – einem kurzzeitig gebräuchlichen Klavierzusatz, mit dem die Klaviersaiten so manipuliert wurden, dass der Klang jenem eines Cembalos bzw. eines ungarischen Zimbals (ein in der Zigeunermusik gängiges Saiteninstrument) nahe kam. Das Werk verlangt vom Geiger ein Höchstmaß an technischen Fertigkeiten und zählt zu den Paradestücken der Geigenliteratur.

1887 komponierte Richard Strauss als 23-Jähriger seine Violinsonate Es-Dur op. 18. Das im Charakter sehr orchestral wirkende Werk hätte mit Blick auf die überaus virtuose Behandlung beider Instrumente (und insbesondere des vollgriffigen Klaviersatzes) gleichermaßen die Bezeichnung „Konzert für Violine und Klavier“ verdient.

Die Violinsonate ist geprägt von Elementen des „Sturm und Drang“, offenbart aber gleichwohl eine ausgesprochene melodisch-lyrische Gesanglichkeit und gibt einen Vorgeschmack auf die Meisterschaft des Komponisten, mit der er später seine großen Bühnen- und Orchesterwerke gestaltet. Überhaupt erscheint das Werk wie ein visionäres Vorausschauen auf spätere Werke wie z.B. den „Rosenkavalier“ (der mit „Improvisation“ überschriebene 2. Satz lässt bereits einige der zauberhaft poetischen Rosenkavalier-Motive vorausahnen). Die heroischen und rhythmisch so prägnanten Themen der Ecksätze sind mehr als nur Fingerzeige auf die Vitalität und Spontaneität späterer Tondichtungen wie „Don Juan“, „Ein Heldenleben“ oder „Till Eulenspiegels lustige Streiche“. Mühelos durchschreitet Strauss die harmonische Klangfarben-Palette und verbindet dank etlicher enharmonischer Verwechslungen weit entfernte Tonarten miteinander.

Der 3. Satz der Violinsonate beginnt mit einer langsamen, etwas geheimnisvoll anmutenden Einleitung, in der die Quarte als Kernintervall des Hauptthemas eine bedeutende Rolle spielt. Voller Schwung und Macht steigt dieses Thema empor und bildet am Ende auch die Basis für eine ausgedehnte Coda, in der Überschwang und musikalische Urkraft kaum noch gebremst werden. So steht dieses wunderbare Werk, das die persönliche Handschrift eines großen Komponisten schon in seinen frühen Jahren offenbart, in bester spätromantischer Tradition.

Im Vergleich zu Strauss’ aufsteigendes Schlusssatz-Thema nimmt das Rondo-Thema in Saint-Saëns’ „Introduktion und Rondo capriccioso“ den umgekehrten Weg: In vielen kleinen Schritten steigt das von Synkopen geprägte, tänzerische Hauptthema im 6/8-Takt abwärts, voller Eleganz, und fast ein wenig kokett. Dieses überaus beliebte Werk des Franzosen ist von rasanten Läufen geprägt und verlangt dem Geigenvirtuosen eine besondere Leichtigkeit des Vortrags ab. Die Originalfassung hat der Saint-Saëns für Violine und Orchester vorgesehen, sein Komponisten-Kollege Georges Bizet hat das Werk für Violine und Klavier adaptiert.

Der in Rumänien geborene Geiger Remus Azoitei (sprich: Asoitzäi – Akzent auf dem mittleren i) gehört zu den großen Geigenvirtuosen seiner Generation. Er studierte als Vollstipendiat an der Juilliard School in New York, wo er von Persönlichkeiten wie Dorothy DeLay, Masao Kawasaki und Itzhak Perlman unterrichtet wurde und vor dem Tode DeLays einer der Lieblingsschüler der Grande-Dame der Violine war.

Seit seinem Debüt mit Orchester als Achtjähriger konzertierte Remus mit allen bedeutenden Orchestern Rumäniens, darunter dem Radiosinfonieorchester des Rumänischen Rundfunks und der „George Enescu“ Philharmonie. Er gastierte als Solist weiterer Orchester in Europa, Nordamerika und Japan, wie z.B. den Orchestern in Weimar und Jena, den Salzburger Solisten, dem Kammerensemble Yokosuga und dem New Jersey Hoboken Orchestra. Seine Aufnahme des Tschaikowsky-Violinkonzerts 2001 mit dem RSO des Rumänischen Rundfunks wurde in das Nationale Goldene Audio-Archiv aufgenommen.

In Recitals spielte Remus Azoitei in so bedeutenden Sälen wie der Alice Tully Hall im Lincoln Center und der CAMI Hall (New York), St. Martin-in-The-Fields (London), Sala Argenta (Santander, Spanien) und bei internationalen Festivals in Yokosuga (Japan), Cambridge (England) und Cadaquez (Spanien). Rundfunkaufnahmen liegen beim Rumänischen Kulturkanal, Radio Kishinev und Concert FM in Neuseeland vor, und zu seinen Musizierpartnern gehörten Künstler wie David Geringas, Gérard Caussé und das Voces-Streichquartett.

Remus war 1. Preisträger des Internationalen Violinwettbewerbs Michelangelo Abbado in Mailand 2000, 2. Preisträger des Internationalen George Enescu Violinwettbewerbs 1999 und Preisträger anderer internationalen Wettbewerbe wie Jeunesses Musicales (Bukarest, 1. Preis), Weimar (2. Preis) und dem Michael Hill World Competition (Neuseeland, Sonderpreis). 1992 erhielt er den Cella Delavrancea Preis der Rumänischen Regierung für außerordentliche kulturelle Verdienste, und 1995 die Silbermedaille des Prinzen Paul von Rumänien für sein mit höchstmöglicher Punktzahl absolviertes Studium an der Bukarester Musikakademie.

Sein Duo-Debüt mit dem Pianisten Eduard Stan 1999 in Deutschland und Frankreich wurde von der Presse als „Bravour-Akt auf dem hohen Seil“ gefeiert. Eine französische Zeitung scheute sich nicht, Remus mit dem großen Paganini zu vergleichen, und die deutsche Presse schrieb: „Remus Azoitei – diesen Namen sollte man sich merken. Er gehört einem 28jährigen rumänischen Geiger, der vermutlich in absehbarer Zeit im internationalen Musikleben eine herausragende, ganz individuell bestimmte Rolle spielen wird.“

Der Rezensent sollte Recht behalten, denn seit Januar 2003 gehört Remus zu den jüngsten Professoren der Royal Academy of Music London, nachdem Monate zuvor seine Aufnahmeprüfung zur Meisterklasse einer Sensation gleichkam: Es war die mit Abstand am höchste gepunktete Aufnahmeprüfung in der Geschichte des berühmten Instituts!

Im Pianisten Eduard Stan verbindet sich eine rumänische Seele mit einer auf deutschem Geistesgrund gewachsenen musikalischen Prägung. 1967 im multikulturellen Kronstadt / Siebenbürgen geboren, begann er sechsjährig seine musikalische Ausbildung an der Städtischen Musikschule seiner Heimatstadt. Nach der Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland 1978 wurde Karl-Heinz Kämmerling auf seine Begabung aufmerksam und betreute ihn mehrere Jahre in seiner hannoverschen Talentschmiede. Unter der Obhut von Arie Vardi, den Stan als seinen wichtigsten Mentor bezeichnet, absolvierte er an der Hochschule für Musik und Theater Hannover das Konzertexamen. Weitere künstlerische Anregungen verdankt er Musikern wie Herbert Blomstedt, Martin Dörrie, Boris Berman, Paul Badura-Skoda und Karl Engel.

Eduard Stan gastierte in zahlreichen Ländern Europas – neben Deutschland in Frankreich, Österreich, Tschechien, Schweiz, Spanien, Portugal, Italien, Holland, Norwegen, Rumänien – und den U.S.A. Er war in der Berliner Philharmonie ebenso zu hören wie im Temple Square zu Salt Lake City oder im Rahmen der Pacific Union College Concert Series in Kalifornien, konzertierte in mehreren französischen Schlössern wie z.B. Valprivas, Martigny, Frontenay, Alba und Poët-Laval sowie auf bedeutenden internationalen Festivals wie dem Festival Mitte Europa (Deutschland / Tschechien) und dem Braunschweiger Kammermusikpodium. Als Solist war er Gast verschiedener deutscher und rumänischer Orchester, unter Dirigenten wie Lutz Köhler, Shinya Ozaki, Ovidiu Balan und Thomas Dorsch.

Eduard Stans Talent wurde mehrfach auf nationaler wie internationaler Ebene ausgezeichnet. So gewann er Preise bei Wettbeweben in Köln (2. Preis, Internationaler Chopin-Wettbewerb der Stiftung Aschenbrenner 1994), Braunschweig (1. Preis, Grotrian-Steinweg-Wettbewerb 1985), Hamburg (Steinway & Sons 1982, 2. Preis), erste und zweite Preise in den Wettbewerben „Jugend musiziert“ 1984 und 1986 sowie den Kulturförderpreis des Landkreises Lüneburg 1985. Zu seinen Kammermusikpartnern zählen das Voces-Streichquartett und der Geiger Remus Azoitei. Seit 2000 ist Stan Dozent an der Musikhochschule Lübeck.

Für das deutsche Label Hänssler Classic hat Stan Werke von Bach, Schubert, Liszt, Chopin, Fauré, Ravel und Debussy eingespielt. Zuletzt erschien unter dem Titel „Wasserspiele“ eine vielbeachtete CD mit Klaviermusik, die vom Wasser inspiriert ist. Jüngste Konzertrezensionen attestieren Eduard Stan eine „ungemein flexible Anschlagskultur, perfekte Technik und großes Einfühlungsvermögen in Musik, der er nachspürt, sie leben lässt, Stimmungen zeichnet, und in der er den Hörer zur Ruhe kommen lässt.“ (Weserkurier 2003). Angesichts des „hohen Niveaus an spielerischer und interpretatorischer Kompetenz“ befand die Nordwestzeitung 2003: „Eduard Stan erwies sich als souveräner Meister eines anspruchsvollen Programms.“