Theater an der Quelle

"GUT ZU WISSEN, Zeit heilt keine Wunden"

1., 2., 3. und 5. September 2004



von Michael Stauffer


Regie: Anja Wedig
Bühnenbild: Mbongeni Richman Buthelezi und Anja Wedig
Darsteller: Dorothea Ratzel, Nomena Struß, Denis Fischer, Peter Trabner
Tanz und Choreografie: Dorothea Ratzel
Musik: Denis Fischer


eine Koproduktion des Jungen Theaters Bremen mit dem Kunst:Raum Sylt-Quelle, Rantum/Sylt


Hirn - LEGO,
oder wer ist eigentlich GOTT

Anja Wedig inszeniert „Gut zu Wissen – Zeit heilt keine Wunden“ von Michael Stauffer als Uraufführung für den Kunst:Raum Sylt-Quelle und das Junge Theater Bremen in der Schwankhalle.

Wie schreibt man auf, was normalerweise nicht sprachlich abläuft? Dass Worte auf Buchseiten stets Annäherung bleiben, bedeutet Frust und Herausforderung zugleich. Sprache bleibt ein unzureichendes Medium. In seinen beiden Büchern "I promise when the sun comes up, I promise I'll be true. (So singt Tom Waits. Ich möchte auch Sänger werden.)" und “Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Ich bin ein Arschloch.“ hat sich der junge Schweizer Autor Michael Stauffer solchen Wortfindungsschwierigkeiten auf originelle Weise angenommen. Seine Bilder sind prägnant, seine Sätze oft spröde, sein Stoff entfernt sich kaum von den brüchigen Kleinbürgeridyllen Mitteleuropas. „Das Grau des Hochhauses wird gegen Mittag silberfarben, gegen Abend braun. Ich kann dasitzen und finde das schön.“, heißt es an einer Stelle. Stauffers Texte markieren immer wieder jene Orte, wo ein Austausch stattfindet zwischen Außenwelt und Innenwelt. Seine Figuren leben in relativem Glück und haben gelegentlich Lust, alles zu zerschlagen.

Anja Wedig inszeniert „Gut zu wissen – Zeit heilt keine Wunden“ als psychoanalytische Lounge. Für das Junge Theater Bremen entstand zwischen Autor und Regisseurin ein Theatertext, der nicht nur die bisheriger Stauffer-Texte bildet, sondern in eine neue, andere Richtung weist: Versucht seine Prosa, die Strukturen inwendiger Außenwelten zu ergründen, öffnen sich im Theaterstück Möglichkeiten, sich der Wirkungsweisen anzunehmen. Wir Zuschauer befinden uns in einem Kopf und sehen zu, wie Denken und Fühlen die Richtung ändern – und warum sie das tun. Wir sehen uns zu, wie wir ein Theaterstück betrachten. Vielleicht ist es dieser Kurzschluss, den Stauffer meint, wenn er sagt: „Der Zuschauer möchte seine Spannung und Verunsicherung und Verschüttelung und Verwirrung und Verschwimmung und Verschwingung und Verzweiflung zurückgeben. Das geht aber nicht. Das Stück nimmt nichts entgegen.“

Eine weiße Landschaft wir heimgesucht von vier Figuren. Es sind Figuren, die zur Innen- und zur Außenwelt zugleich gehören. Dass sie nicht mit, aber auch nicht ohne einander können, macht die Betrachtung dieser Hirn-WG zu einem sich immer mehr festsetzenden Kopfschmerz: MANN, FRAU, MUSIK und TANZ „müssen sich mit sich arrangieren“, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt – dass dies nicht geht und es andererseits auch nicht geht, dass es nicht geht, wird zum „Beweg-Grund’ des Stückes und seiner Figuren. Sie bekommen bei Stauffer und Wedig Platz zum Spielen, Platz zum Streiten. Platz, um daran zu glauben, irgendwann loszukommen von den Mitbewohnern der Geist- und Körper-Gemeinschaft. Vor allem gibt Wedig aber Stauffers Text Raum, dem es in eigentümlicher, spröder, mitunter anarchisch-komischer Sprache gelingt, das in Worte zu fassen, was widersprüchlich ist, wenn Mensch über seine Existenz nachdenkt – und sich in Gedanken verheddert, weil die Richtungswechsel des Denkens und Fühlens nur im Widerstreit der Emotionen verhandelt werden können. Klar definierte Rollen- und Aufgabenverteilungen werden in Stauffers und Wedigs Hirn-WG permanent über den Haufen geworfen, als diskutierten synaptische Verbindungen über den Putzplan – Einigung ungewiss: „Im Warenhaus wird Putzmittel im Sonderangebot verkauft. Ich gehe mit dem Rucksack hin, kaufe 20 Flaschen, stelle zu Hause in jedes Zimmer eine Putzmittelflasche. In einige Zimmer drei. Ich steche die Flaschen an. Das Putzmittel läuft langsam aus. Es beginnt nach Putzmittel zu riechen. Ich renne in den Zimmern herum, öffne die Fenster, so dass sich der Duft in der ganzen Wohnung ausbreitet.“ Es entsteht eine tonnenschwere und zugleich sehr luftig daher kommende Versuchsanordnung zwischen „Ich“ und Text. Seine Figuren sind glücklos Suchende zwischen Text-Innen und Körper-Außenwelt, die Vertrautheit zelebrieren und dann wieder vom Streit der Emotionen unterminiert werden. „Wenn ich den Abgang machen soll“, heißt es an einer Stelle, „soll wenigstens die Toilette in einwandfreiem Zustand sein.“